Todesqualen weil Arzt fehlte – unter unvorstellbaren Qualen musste eine Wildschönauerin ihre letzten Lebenstage verbringen – das Resümee: Systemversagen

Von Thomas Hörmann
Wildschönau – Warum musste die Wildschönauer Krebspatientin Waltraud T. so qualvoll sterben? Fast zwei Jahre lang haben der Witwer und sein Bruder mit Unterstützung von Patientenanwalt Birger Rudisch nach Antworten auf diese Frage gesucht. Der Bericht liegt jetzt vor. Fazit: Das System hat versagt. Es war am 18. April 2015 gegen vier Uhr, als die Wildschönauerin im örtlichen Pflegewohnheim im Kreis der Familie für immer ihre Augen schloss (die TT berichtete bereits über den Fall).

Das Ende eines Leidensweges, der drei Jahre zuvor mit der Krebsdiagnose begonnen hatte. Nachlangem Kampf erfuhr die Mutter und Ehefrau im März 2015 im Kufsteiner Krankenhaus, dass sie „austherapiert“ sei. Die 53-Jährige hatte nur noch einen Wunsch: Sie wollte in ihrer Heimatgemeinde sterben. Da der Pflegebedarf die Möglichkeiten der Angehörigen überstieg, erklärte sich das Pflegewohnheim Wildschönau bereit, Waltraud T. aufzunehmen. So konnten ihr Ehemann und die beiden Kinder die Unterländerin fast rund um die Uhr auf ihrem letzten Weg begleiten. Mitte April verschlechterte sich ihr Zustand weiter.

„Am Nachmittag des 17. April wurden ihre Schmerzen derart intensiv, dass die zu erduldenden Qualen bei der geringsten Berührung schon am panischen Gesichtsausdruck erkennbar waren“, schilderte damals der Witwer. Im Ort war keine Hilfe verfügbar: Einn Wildschönauer Arzt war bereits in Pension, der zweite im Urlaub. Das Pflegepersonal versuchte gegen 17 Uhr, den für das Wohnheim zuständigen Arzt zu erreichen. Vergeblich, der 17. April war ein Freitag, ab Mittag hatte der Mediziner dienstfrei. Familienmitglieder und auch die Pflegerinnen wurden zu hilflosen Zeugen des Todeskampfes. Als letzten Ausweg alarmierten die Mitarbeiterinnen des Wohnheimes gegen 21 Uhr den Notarzt. „Und der ist bald gekommen, hat sich Zeit genommen und meiner Frau ein wirksames Schmerzmittel verabreicht“, erzählte damals der Witwer.

Nach zwei qualvollen Tagen konnte Waltraud T. die letzten Stunden ihres Lebens weitgehend schmerzfrei im Kreis der Familie verbringen. Kurz nach dem Tod der Frau begannen der Witwer und sein Bruder mit der Aufarbeitung des Falles. Von Anfang an war klar, dass eine Hauptursache für die Tragödie der Ärztemangel in der Wildschönau war. Das Problem ist inzwischen gelöst, seit Herbst stehen der Bevölkerung wieder zwei Kassenärzte zur Verfügung.

Aber auch bei der Entlassung aus dem Kufsteiner Krankenhaus im März 2015 lief nicht alles optimal. Dabei sei das Fehlen niedergelassener Ärzte nicht ausreichend beachtet worden, heißt es im Bericht: So wurde Waltraud T. ohne Medikamente bzw. ein Rezept entlassen, das ihr den Zugang zu den Schmerzmitteln ermöglicht hätte. Ebenfalls ein inzwischen gelöstes Problem – schwer kranke Wildschönauer werden inzwischen mit Arztbriefen entlassen, die genaue Angaben über die erforderlichen Medikamente enthalten.

Als sich die Mitarbeiter des Pflegeheims auf der verzweifelten Suche nach einem Arzt für Waltraud T. am 17. April 2015 an die Leitstelle wandten, wurden sie an den Arztbereitschaftsdienst 141 verwiesen. Der Anruf ging allerdings ins Leere. Was daran lag, dass die Wildschönau nicht am Bereitschaftsdienst teilnimmt.

„Die Leitstelle sollte aber über derartige Informationen verfügen“, heißt’s im Bericht. Positiv sei, dass die Leitstelle dann unbürokratisch einen Notarzt schickte, obwohl Waltraud T. keine Notfall-Patientin war. Der Bericht kommt zum Schluss, dass eine ambulante Versorgung von „austherapierten“ Patienten in Tirol nicht flächendeckend zur Verfügung steht. So sind Palliativ-Patienten mancherorts gezwungen, im Krankenhaus zu bleiben, obwohl sie zuhause sterben wollen. Aber auch das dürfte sich ändern – ab 2018 sollen überall Palliativ-Teams für die Heimbetreuung zur Verfügung stehen.

Altenwohnheim Wildschönau – hier verstarb Waltraud T. im Kreise ihrer Familie.

 

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