Ärztekammer und auch Gebietskrankenkasse kritisieren den Wildschönauer Alleingang – die Situation wird immer undurchsichtiger

Von Mario Zenhäusern

Innsbruck, Wildschönau – Die Information, dass künftig zwei Wahlärzte die medizinische Versorgung der Gemeinde Wildschönau sicherstellen sollen, hat nicht nur im Hochtal selbst, sondern auch in Innsbruck heftiges Kopfschütteln ausgelöst.

Die beiden Unfallchirurgen, die auch Allgemein-Mediziner seien, sollen ab November eine Gemeinschaftspraxis eröffnen. Die Preisdifferenz zwischen dem Honorar, das die beiden Mediziner verlangen, und dem Kostenersatz der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) will die Gemeinde übernehmen, bestätigte BM Rainer Silberberger dem ORF Tirol gegenüber: „Die Patienten werden so abgerechnet, dass sie keinen finanziellen Nachteil haben.“

Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger sieht dieses Arrangement kritisch und befürchtet, dass die Konkurrenz durch die Wahlärzte jeden TGKK-Vertragsarzt davon abhalte, in der Wildschönau eine Praxis zu eröffnen.

Auch die TGKK-Spitze, laut eigener Aussage in die letzten Abstimmungsgespräche zwischen der Gemeinde und den Wahlärzten nicht eingebunden, ist alles andere als erfreut. „Die Versorgung durch zwei Wahlärzte kann nur eine Übergangslösung darstellen“, sagt Obmann Werner Salzburger. Direktor Arno Melitopulos ergänzt: „Was die Wildschönauer benötigen, sind zwei Hausärzte, die medizinische Leistungen als Sachleistungen erbringen, ohne dass der Patient die Rechnung im Vorhinein bezahlen muss.“

Auch Melitopulos befürchtet, dass der Wildschönauer Alleingang „ein Hemmnis für Bewerber um die Kassenstellen darstellt. Die ausgeschriebene Stelle wird durch die vorhandene Konkurrenz unattraktiver.“

Hintergrund

Warum aber bereitet die Besetzung zweier Kassenstellen in einer Region wie der Wildschönau so große Probleme? Da sind zum einen finanzielle Einbußen, mit denen die neuen Ärzte im Vergleich mit ihren Vorgängern zu rechnen haben, weil sie künftig keine Hausapotheke mehr führen dürfen.

Weit schwerer wiegt, dass jeden Wildschönauer Hausarzt jede Menge Arbeit erwartet. Mindestens 4000 Pflichtversicherte, dazu noch bis zu 7000 Gästebette, die vor allem im Winter gut gefüllt sind – da fällt einiges an. Auch außerhalb normaler Ordinationszeiten.

Dieser große Aufwand (Dienst an jedem zweiten Wochenende etc.) ist jedoch mit der Lebensplanung junger Medizinerinnen und Mediziner von heute nur schwer vereinbar. Die viel zitierte „Work-Life-Balance“, jener Zustand also, bei dem Arbeit und Freizeit miteinander in Einklang stehen, sieht für die meisten anders aus.

Diesen Umständen hat in der Wildschönau niemand Rechnung getragen. Alle involvierten Institutionen haben sich hinter ihren Standpunkten verschanzt. Flexibilität und Kompromissfähigkeit sind Tugenden, ohne die der heutige Arbeitsmarkt nicht mehr funktionieren könnte. Bei der Ausschreibung der medizinischen Versorgung eines ganzen Tales sind sie scheinbar nicht notwendig.

Mario Zenhäusern

 

Dazu erreicht uns folgender Beitrag von GR Peter Weissbacher:

Sieh an, Ärztekammer und TGKK sind verwundert über den Wildschönauer Alleingang. Ich lade die Herren Wechselberger und Salzburger gerne einmal ein, ein Wochenende mit mir bei unserer Bevölkerung zu verbringen.

Ich glaube, sie würden mit einem roten Kopf und heißen Ohren in Ihr klimatisiertes Büro in Innsbruck zurückkehren.

Wie im Bericht von Mario Zenhäusern bereits erwähnt, dürfte es an den womöglich aus dem vorigen Jahrhundert stammenden Ausschreibungsvorgaben liegen, dass sich niemand um diesen so attraktiven Posten bewirbt. Der Versuch, die Sprengelgrenzen in Sachen Wochenenddienste aufzuweichen, scheitert bisher an der unsäglich langsamen Reaktionszeit der zuständigen Stellen im Landhaus.

Es gäbe viel zu schreiben, was alles versucht wurde, und wo unser Bürgermeister seit zwei Jahren vertröstet und im Kreis geschickt wurde.

Nachdem die dafür verantwortlichen Stellen bisher nichts zur Besserung unserer ärztlichen Situation vorweisen können (sorry, ein in der Wildschönau während des Tages stationierter Rettungswagen!?), mussten wir von Seiten der Gemeinde selber handeln, um unserer Bevölkerung und den vielen Gästen eine ärztliche Versorgung zu bieten.

Es kann nämlich ohne weiteres passieren, dass sich nach 20 Ausschreibungen auch noch niemand gemeldet hat- und dann haben wir in etwa das Jahr 2019.

Der Beschluß zur Unterstützung der beiden Wahlärzte war im Gemeinderat einstimmig. Ich persönlich habe wegen dieser Initiative bisher nur positives von unseren Gemeindebürgern gehört, das bißchen Papierkrieg mit den Abrechnungen sollte auch zu schaffen sein.

Es ist so, dass unsere Mitbürger endlich Taten sehen wollen, und nicht diese ewigen Schuldzuweisungen, wer was wann wo versäumt hat.

Freuen wir uns auf Anfang November, da haben wir in der Wildschönau endlich wieder eine eigene ärztliche Versorgung.

GR Peter Weißbacher, Wildschönau

 

Beitrag von GR Martin Erharter:
ich stimme den Ausführungen von Peter Weißbacher inhaltlich voll zu und gebe
weiters zu bedenken, dass sich der Gemeinderat diesen Schritt wohl überlegt hat.
Es sind zwar ZWEI Kassenstellen ausgeschrieben, aber wer sagt, dass auch wirklich ZWEI
Kassenstellen in nächster Zeit besetzt werden können, wenn nicht mal für EINE Kassenstelle eine
entsprechende Bewerbung vorliegt. Es dürfte einem Bewerber/in für eine Kassenstelle
in der Wildschönau schon etwas leichter fallen, wenn er/sie weiß, dass die ärztliche
Nahversorgung nicht nur alleine auf seinen Schultern lastet. Das ist einfach eine
Frage der Einschätzung der Lage.

Der größte Hemmschuh sind sicherlich die Rahmenbedingungen für einen Kassenvertrag.

LG
Martin

 

 

65f6c848-4897-431a-89dc-41ae482f8d1b

P1070679